Tino Sehgal im Martin-Gropius-Bau

 

Im Dialog mit der Selbsterfahrung

Die Inszenierung von Situationen ist das Leitmotiv von Tino Sehgals Arbeiten. In seiner gegenstandslosen Kunst gibt es kein Objekt ästhetischer Erfahrung mehr, sondern nur menschliche Anwesenheit und Begegnung als Auslöser dieser Erfahrung. Dadurch dass solche Alltagsmomente im Rahmen des Museums als Kunst ausgestellt sind, erleben wir dieses Sich-In-Beziehung-Setzen mit dem Selbst durch den Anderen mit erhöhter Aufmerksamkeit. Die aktuelle Werkschau von Tino Sehgal im Rahmen der Berliner Festspiele ist somit zugleich belebende Gesellschaftskritik und verzaubernder Appell zu mehr Achtsamkeit.
Ausstellung Tino Sehgal, Interpreten, Berlin, Foto Mathias Völzke

In Ann Lee tritt ein Mädchen, Charakter aus einem Manga-Comic, auf uns zu und erzählt von der Sehnsucht, einmal ein körperliches Individuum zu sein. Sie weiß, dass wir Menschen umgekehrt die Sehnsucht haben, durch die Kunst mit der Vergangenheit zu kommunizieren, doch beobachtet sie zugleich, was uns daran hindert: dass wir unsere eigene Verwurzelung verloren haben und stets zu beschäftigt sind. Mit der Frage wo wir selbst in dieser Orientierungslosigkeit stehen lässt sie uns im Dunkeln allein. Was es bräuchte, so drängt sich eine mögliche Antwort auf, wäre vielleicht mehr lebendiger Dialog und Austausch über Lebenswelten, das Alltägliche, unsere Sehnsüchte und Sinne.

In Welcome to this situation führt eine Gruppe an Männern in akademisch-links-intellektueller Manier Gespräche über Ökonomie, Geld, Kommunismus und die heutige Jugend im digitalen Zeitalter. Dabei schlagen sie eine gedankliche Brücke vom Verhältnis zwischen abstraktem Kapital der Gesellschaft und echtem Material der einzelnen Lebenswelt zur Frage nach dem Status der Moral: ist sie eine reine Regelbefolgung oder ein emotionales Empfinden? Wir sind eingeladen, uns am Gespräch zu beteiligen, denn die Trennung zwischen Interpreten und Publikum zu durchbrechen ist bei Sehgal weder unerlaubt noch unerwünscht.

Tino Sehgal, Foto: Mathias Völzke

Wieder eine andere Gruppe tanzt, spricht und singt rhythmisch in absoluter Finsternis. Nur durch Vibration, Bewegung und Klang kann man sie im Raum orten und erlebt eine fantastische Schärfung dieser Sinneswahrnehmung. Licht aus, auf den Boden legen, aus dem Alltag ausklinken und einfach von den Emotionen durchfluten lassen – in einem Raum voller fremder Menschen. So simpel dies klingt, so ungewöhnlich und unzugänglich ist es doch für viele in unserem Arbeitsalltag geworden. Und umso mehr verbindet, versöhnt und verzaubert dieses Erlebnis hier im Museum.

Alle Situationen von Sehgal leben davon, dass die InterpretInnen sich und dem Publikum unaufhörlich Impulse geben, aufeinander reagieren und dabei permanent und gleichmäßig in Bewegung bleiben und sei es nur mit minimalen Gesten; so entsteht ein Kreislauf an Energie oder, wie es im Programmtext heißt, die „Choreographie einer sozialen Plastik“. Diese intensiv-ruhige Spannung überträgt sich physisch auf uns als BesucherInnen, steckt uns an und verleiht körperlicher Wahrnehmung und emotionalem Emfpinden Vorrang vor dem Verstand. Wie im Tanz oder der Performance wird so auch die stetige, unbewusste Konversation zwischen Körper und Emotion angesprochen und offengelegt.

Es liegt etwas beinahe Kultisches, Transzendentales oder Rituelles in Sehgals Mischung aus Spektakel und Selbstbeobachtung, aus kollektivem Miteinander und individuellem Empfinden. Der Martin-Gropius-Bau erweist sich dabei als fabelhaft gewählter Spielort. Der weite hohe Mittelraum schafft genug Distanz zu den InterpretInnen und anderen BesucherInnen, um allen einen eigenen Raum für Emotionen zu geben und verwandelt zugleich jedes Flüstern in ein mit Echo aufgeladenes Schweigen, sodass doch geteilte Intimität über die Entfernung hergestellt wird.

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Lichthof des Martin-Gropius-Baus, zentraler Aufführungsort der Werkschau. Foto: Mathias Völzke

Anders als bei politischen Versammlungen oder alltäglichen Routinen, zu denen Menschen auch für eine Form von Gemeinschaft zusammenkommen, gibt es bei Tino Sehgal jedoch keine Ziele, Zweckmäßigkeit oder gerechtfertigten Erwartungen – das macht die Arbeit zur Kunst. Wie in einer Meditation vergehen bei dieser andauernden Hirn-Herz-Körpermassage zeitlose Stunden der reinen Selbsterfahrung. Thomas Oberender, Geschäftsführer der Berliner Festspiele, hat es treffend so ausdrückt: „Sehgal bildet keine Realität ab, sondern führt sie herbei.“ Nur wer sich darauf einlässt und ganz dem Moment hingibt, wird das Geschenk einer solchen Inszenierung kosten können.

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28. Juni bis 8. August 2015
Tino Sehgal im Martin-Gropius-Bau
Mittwoch bis Montag 10.00–19.00

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