The Empire Strikes Back von Ariel Efraim Ashbel and Friends

 

 

 

Sinfonie der Sinne ohne Sinn

Verzerrte metallisch klingende Stimmen und Geräusche wiederholen sich in einer Tonschleife: „Nuclear War“, „Radiation“, „Mutation“, „Just Motherfucker“, „Don’t You Know“. Nach einem Star Wars-Film benannt, setzt sich „The Empire Strikes Back: Kingdom of the Synthetic“ von Ariel Efraim Ashbel and Friends mit einer uralten Frage auseinander: wie wird der Mensch der Zukunft leben und zusammen leben? Laut Programmheft geht es sehr programmatisch um den Begriff ‚Rasse‘, die koloniale Geschichte und das Erbe des Humanismus. Auf der Bühne aber wird der Zuschauer einem rein sinnlich-humoristischen Ideenreichtum an Bildern und Körpersprache ausgesetzt, der auch ohne konkreten Inhalt auskommt.
The Empire Strikes Back: Kingdom of the Synthetic, © Dorothea Tuch.

Dunkle Holzkörper in verschiedenen geometrischen Formen bilden auf der Bühne sowohl eine bewegte Landschaft, die ständig neue Räume schafft als auch Objekte der Begegnung, an und auf denen sich die PerformerInnen reiben, treffen und in Szene setzen. Auch die PerformerInnen selbst bewegen sich zu Beginn scheinbar nach mathematischen Regeln durch den Raum, wiederholen motorische Bewegungssequenzen oder schreiten in Pseudoprozessionen durch den Raum. In all der überzeichneten Körperlichkeit liegt eine Menge Humor und Selbstironie, denn dass Perfektion in dieser Utopie kein Ziel ist wird schnell klar.

Dieses dunkle Imperium zu erkunden und zu beleben ist die Aufgabe der DarstellerInnen in dunklen Ganzkörperanzügen. Und je mehr die scheinbare Größe und Ordnung des abstrakt-kühlen Reichs ins Chaos verfällt, umso absurder und unberechenbarer verhalten sich auch seine BewohnerInnen. Sie singen, mal einsam, mal mehrstimmig; sie grunzen und gurren und klopfen mit und auf ihren Körpern herum; sie kriechen, springen, fliegen und zappeln; sie rezitieren Texte rückwärts oder in Fantasiesprachen; und manchmal verzerren sich ihre Gesichter in Schreien, die aber völlig stumm bleiben.

The Empire Strikes Back: Kingdom of the Synthetic, © Dorothea Tuch.

Es sind menschliche Stereo- und Archetypen, die dargestellt und dekonstruiert werden. So verzerrt die üppigste Darstellerin typische Posen der Weiblichkeit durch ein fratzenhaftes Gesicht und extremen Körpereinsatz herrlich amüsant ins Groteske. Männer trommeln sich in Affenpose auf die Brust und hüpfen auf allen vieren herum. Oder Menschen werden zu lebendigen Skulpturen und Objekten. Das gesamte Ensemble aus Musikern, Künstlern, Wissenschaftlern und Roboter nimmt zum einen oder anderen Zeitpunkt am Bühnenspiel teilnimmt und betont so die Vermischung von Theater, Performance und Installation als gekünstelte Komposition aus Bruchstücken.

In ihrer Formensprache greift das Produktionsteam auf Futurismus und Sciencefiction zurück: von Fritz Langs Metropolis zu Oskar Schlemmers Triadischem Ballett und Bauhaus-Entwürfen über Stanley Kubricks Odyssee 2001 mit Gorilla und Astronautenkostümen bis hin zum amerikanischen Afrofuturismus mit Zitaten aus Sun Ras Space is the Place und schließlich Pink Floyds Konzeptalbum Dark Side of the Moon – es sind Träume von neuen Imperien, vielleicht vom neuen Menschen. Und sie alle sind Elemente einer großen, die Sinne und Gewohnheiten herausfordernden Live-Collage, deren Klangteppich am Ende zu einem ohrenbetäubenden Finale abhebt – doch zum Glück keine Antworten gibt. Am Anfang war eine große Leere und Spannung, am Ende steht das totale Chaos in der Stille.

The Empire Strikes Back: Kingdom of the Synthetic, © Dorothea Tuch.

Ashbels neues Stück ist eine Art Anti-Gesamtkunstwerk, bei dem Ton, Material, Bewegung und Mensch eher ausgestellt zusammentreffen als verschmelzen und so die Utopie des Menschlichen jenseits des Menschen zwar untersuchen, aber gleichzeitig auch entstellen. Die Performance entzieht sich dabei bewusst analytischer Interpretation, geschichtlicher Erzählung oder lehrhaften Momenten. Letztlich bleibt es eine Geschmacksfrage und völlig dem sinnlichen Empfinden der Zuschauer überlassen, ob einem das Dargestellte gefällt und unterhält oder völlig unberührt und gelangweilt hinterlässt.

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Ariel Efraim Ashbel and friends
The Empire Strikes Back: Kingdom of the Synthetic
1.-4.7.2015, 20:00 / HAU3, Berlin
www.hebbel-am-ufer.de

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