„tchi-kudum: zoon politikon“ von Regina Rossi

 

 

Im Vivarium der eigenen Identität

Ein Raum voller Sand, am Kopfende ein mit Klanginstrumenten und Digital-Technik dekoriertes Musikpult samt DJane; wir BesucherInnen stehen an den anderen drei Wänden entlang aufgereiht, werden durch den geschlossenen Raum Teil des Bühnenbilds. Einige setzen sich, einige bleiben stehen. Die kalten, weißen Sandkörner streicheln die nackten Füße. In die Mitte des Saals tritt die fünfköpfige Tänzergruppe hinein und harrt in der angespannten Stille aus. So beginnt tchi-kudum: zoon politikon von Regina Rossi, das vom 28.-30. April im Ballhaus Naunynstraße in Berlin zu sehen war.

Unter den nun einsetzenden Live-Soundtrack aus Natur- und Tiergeräuschen mischen sich brasilianische Instrumente und spielerische Anweisungen ans Publikum. Die TänzerInnen murmeln in verschiedenen Sprachen zueinander, setzen sich in Gang und geraten in eine Endlosschleife aus ähnlichen, immer wieder neu kombinierten Bewegungsabläufen die dem Capoeira entstammen. In wenigen Minuten steigern sie sich zu einer schnellen und geschmeidig durch den Raum eilenden Schlange mit Sambaschritt. Dabei machen zehn Füße synchron ein Geräusch im Sand: tschi-ku-dum. Und schon ist der Titel des Stücks sinnlich greifbar!

Die Bewegung breitet sich durch Vibration und Schall im Raum aus, fängt ein, treibt an. Schon nach wenigen Minuten ergreift mich der Rhythmus. Meine Beine beginnen unweigerlich, den Schritt aufzunehmen und über meine Füße gegen den nachgebenden Sand weiterzugeben. Jedem steht es frei sich im Raum zu bewegen, die Perspektive und Position zu wechseln, mitzumachen oder passiv zuzusehen. Doch die Einheit der TänzerInnen und ihre Aura wirken so stark, dass keiner sich traut wirklich einzutreten in den Kreis. So spielt tchi-kudum nicht nur mit körperlichen Begrenzungen, sondern auch mit dieser unsichtbaren Grenze zwischen Bühne und Publikum.

Jeder Tänzer hat ein persönliches Bewegungsrepertoire, ein eigenes Spiel, und doch bilden sie zusammen eine organische Einheit. Sie orientieren sich aneinander, wechseln zwischen Regel und Improvisation und entwerfen in akrobatischen Haltungen mit virtuoser Körperspannung eine menschliche Skulptur der vielen. Die Grenzen des eigenen Körpers werden dabei ebenso erkundet wie die Möglichkeiten, sich als Gruppe unmittelbar körperlich zu organisieren. Einzelner und Gruppe, Zugehörigkeit und Kommunikation – all diese sozialen Elemente, die wir in unserer Kindheit durchs Spielen erlernen, werden uns hier … vorgespielt.

Tchi-Kudum, © Anja Beutler

All diese Versatzstücke aus brasilianischer Tanztradition, drolligen Tiernachahmungen und Spielfreude im Natur-Szenario stellen auch eine ironische Anspielung auf koloniale Stereotypen und Klischees dar. Diese postkoloniale Perspektive ist aber nicht als erhobener Zeigefinger gemeint, erklärt Rossi im Interview, sondern eben als subversive Strategie um gängige Bilder und Denkweisen zu durchbrechen. Als Versuch, ein hierzulande allzu starres Konzept von ‚Identität‘ zu untergraben – mit der Bühne als Arena zum Experiment und zur Neuerfindung.

Wie weit kann ich gehen, ohne die Inszenierung zu stören? Wäre es überhaupt eine Störung, wenn ich mitmachte? Gehöre ich dazu? Wie antworte ich, wenn ich angesprochen werde? Wird überhaupt mit mir kommuniziert oder nur vor meinen Augen? Was ist Ernst, was ist Spaß? Wieso entweder/oder? All dies sind offene Fragen und Regina Rossi lädt das Publikum erklärtermaßen dazu ein, spontan zu sein und sich ohne Regeln und ganz spielerisch den Impulsen hinzugeben.

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www.reginarossi.de
TCHI-KUDUM im Ballhaus Naunynstraße
Termine: 28.-30.4.2015, 20 Uhr

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