Filmkritik | Chi-Raq von Spike Lee bei der Berlinale

 

 

Spike Lee – Chi-Raq

Unterhaltung. Esprit. Wortwitz. Musik. Sex. Stars. Eine gute Story. Eine politische Botschaft. Spike Lee gelingt mit Chi-Raq ein furioses Film-Drama-Musical-Event für die Leinwand.

Ikonisch beginnt Chi-Raq – ein Hybrid aus Chicago und Iraq – mit einer US-Flagge, die aus Waffen zusammengesetzt ist. Damit soll wirklich jedem noch so Ahnungslosen von Anfang an klargemacht werden, um welche Problematik es geht: den Teufelskreis aus Amerikas politischem System, strukturellem Rassismus und der Waffengewalt an sozialen Brennpunkten wie Chicago. Dazu scheut Spike Lee auch keine Texteinblendungen als Vorspann, die erläutern, dass in Chicago seit dem Jahr 2001 mehr Menschen ermordet wurden, als US-Soldaten im gesamten Irakkrieg fielen.

Die Frauen der Spartans. Standbild aus dem Film.
Die Frauen der Spartans.

Die beiden verfeindeten Gangs „Trojans“ und „Spartans“ die Stadt in Atem und sind für eine Spirale der Gewalt verantwortlich. Über Twitter verabreden sich die Gangmitglieder zu Parties, Konzerten oder auch Gewaltverbrechen. Da es in Chicago keine Jobs und keine wirtschaftliche Entwicklung gibt, müssen eben – wie in der Antike – Brot und Spiele die Massen bei Laune halten und die heißen heutzutage: Drogen, Waffen und Party. Doch als nach einer Gewalteskalation versehentlich ein Kind stirbt, haben die Frauen der verfeindeten Gangmitglieder – angeführt von Lysistrata (Teyonah Parris) – das gewalttätige und inhaltsleere Treiben ihrer Männer satt und verbünden sich.

Samuel L. Jackson als Dolmedes.
Samuel L. Jackson als Dolmedes

Unter dem Slogan „No Peace No Pussy“ formiert sich eine weibliche Zivilbewegung, die den Waffen der Männer mit einer cleveren Strategie den Kampf ansagt: wenn die Gangs ihrer kriminellen Karriere keine Absage erteilen, dann bekommen sie eben auch keinen Sex mehr. Immer mehr Frauen auch aus anderen Gegenden und Gesellschaftsbereichen schließen sich dem Sex-Streik an und formen eine weltweite Allianz für den Frieden. Die Strategie geht auf.

Die Frauen im Streik. Standbild aus dem Film.
Die Frauen im Streik.

John Cusack als weißer Priester Mike Corridan erläutert der Gemeinde die eigentliche Ursache der sozialen Ungleichheit und Armut: die Lobbyisten der NRA befördern lockere Waffengesetze und die Bedeutung der Waffenindustrie für die Wirtschaft des Landes; Politiker und Banker teilen sich hinter geschlossenen Türen Boni und Millionengewinne aus den Deals, während Arme keine Kredite bekommen und ihre Hypothekenzinsen steigen; die überproportionale Verhaftung von schwarzen Männern dient der billigen Arbeitskraftbeschaffung in den Gefängnissen. Wenn Schwarze sich gegenseitig umbringen und kriminell werden, dann dienen sie genau dem Ziel dieses Systems. „Masseninhaftierung ist der neue Jim Crow“, sagt Father Corridan und nennt es eine neue legale Form des Lynchens, die im System eingebaut ist.

Lysistrata und Pater Corridan. Standbild aus dem Film.
Lysistrata und Pater Corridan.

Warum, könnte man fragen, übernimmt ein Weißer die Stimme des moralischen Gewissens und erklärt den Schwarzen ihre Situation? Ist das nicht wieder ein Stereotyp? Jein. Spike Lee möchte auch ein weißes Publikum mit seinem Film erreichen und er weiß wohl, dass Weiße eben Weißen mehr Glaubwürdigkeit zuschreiben als Schwarzen. Anders ausgedrückt: Was John Cusack als Pater sagt ist nicht neu und gerade die von sozialer Ungerechtigkeit Betroffenen wissen all dies oft zu gut. Seit Jahrhunderten predigen und erklären schwarze Bürgerrechtler, Aktivisten oder Intellektuelle davon, doch erst wenn es ein weißer Mensch laut sagt, hören auch die Weißen zu. Und deren Selbstreflexion und Mitwirkung braucht es, damit das System im Namen der Gerechtigkeit gemeinsam geändert werden kann.

Demetrius Dupree von den Trojans gegenüber der Polizei. Standbild aus dem Film.
Demetrius Dupree von den Trojans gegenüber der Polizei.

Die Besetzung des Films ist fast ausschließlich schwarz, was in Hollywood unvorstellbar wäre, und die wenigen weißen Hauptfiguren werden in ihrer Arroganz, Grausamkeit oder Inkompetenz überzeichnet. Damit macht Spike Lee zum einen auf die sonst üblichen (umgekehrten) Darstellungs- und Wahrnehmungsweisen der amerikanischen Leitkultur aufmerksam. Zum anderen entblößt er in überspitzter Form den Mythos der Leistungsgesellschaft, wonach jeder seine Position durch Verdienst erwirbt. In der sozialen Realität hingegen sind es Privilegien, wie die Hautfarbe, die darüber entscheiden wer Zugang zu Machtpositionen und Ressourcen erhält

So gibt es in Chi-Raq gleich zwei Utopien. Die eine erzählt von einer erfolgreichen Revolution gegen ein allmächtig erscheinendes kapitalistisch-rassistisches System. Die andere erzählt von einer Welt, in der das Nein einer Frau tatsächlich Nein heißt und als solches akzeptiert wird. Damit weist Spike Lee auch auf den Umstand hin, dass schwarze Frauen doppelt diskriminiert werden, nämlich durch Rassismus und Sexismus zugleich.

Regisseur Spike Lee.
Regisseur Spike Lee.

Die feministische Botschaft des Films steht so deutlich im Vordergrund, dass manche sie gar übersehen und meinen Frauen würden hier auf ihren Körper reduziert. Das Gegenteil ist der Fall: eine Frau, eine schwarze Frau, spielt die Hauptrolle und ist die Hauptfigur des Films. Sie tut mehr als nur hübsch aussehen, tanzen oder einem Mann hinterher schmachten. Sie führt eine Revolution an und zieht die Fäden hinter einer umfassenden Gesellschaftsreform. Sie erpresst erfolgreich den amerikanischen Präsidenten. Und sie bringt Frieden in eine brutale, körperlich überlegene Gemeinschaft. Und ganz nebenbei fühlen sie und ihre Mitstreiterinnen sich eben attraktiv und begehrenswert und sind emanzipiert genug, intelligente Inhalte mit einem als typisch feminin geltenden Auftreten zu vereinen – als ob es für Frauen nur ein entweder/oder zwischen den Polen clever und sexy gäbe.

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Chi-Raq, 2015
Regie: Spike Lee
Premiere am 16. Februar 2016 bei der Berlinale
Filmstart in Deutschland: unbekannt

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