Literarische Topografien des Kolonialismus im Ballhaus Naunynstraße

 

 

Deutsch sein und Schwarz dazu

Den Auftakt der von Nadja Ofuatey-Alazard am ballhaus naunynstraße kuratierten Reihe Topografien des Kolonialismus gab eine Lesung von Theodor Wonja Michaels Autobiografie „Deutsch Sein und Schwarz Dazu“ und eine Diskussion mit den geladenen Autoren David Olusoga (BBC London), Theodor Wonja Michael und Jessica Köster.

In ihrer Einführung hinterfragt Ofuatey-Alazard die „universale menschliche Erfahrung“ in der Literatur und hält dem entgegen, dass Autoren – wie alle Menschen – sozial in Raum und Zeit eingeordnet sind. Demnach ist auch keine menschliche Perspektive universal oder objektiv, sondern immer durch die eigene Erfahrung geprägt. Bereits Toni Morrison hatte darauf hingewiesen, dass ein vermeintlich wertfreier ästhetischer Raum jenseits von Geschichte von Weißen zur Wertefindung der Aufklärung geschaffen wurde. Der Zusammenhang von Literatur, Wissenschaft und Praxis ist daher offensichtlich, die Wichtigkeit Schwarze Perspektiven auch in der deutschen Literaturlandschaft zu lesen.

Theodor Wonja Michael | © Marc Leonhart, Bonn
Theodor Wonja Michael | © Marc Leonhart, Bonn

Entlang von vier Jahresmarken, 1884 – 1904 – 1914 – 2014, zeichnete dann David Olusoga, Autor von „The World’s War“ die Kolonialgeschichte Deutschlands nach, mitsamt ihrer Parallelen und Auswirkungen auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie die moderne globale Weltordnung und Globalisierung. Bis 1970 könne man die Globalisierung unter ähnlichen politischen Vorzeichen sehen, wie vor 1914 – Ressourcenausbeutung und Arbeitskraft. Wenn man 1870-1914 als erste Ära betrachtete, dann entspreche die heute Globalisierung der zweiten, modernen Ära.

Olusoga skizziert dabei zunächst die sogenannte „White man’s burden“ („Last des Weißen Mannes“) in zwei Phasen: der ersten vom 16. bis 19. Jahrhundert und der zweiten ab dem späten 19. Jahrhundert, dem so genannten „Scramble for Africa“, als sich auch Deutschland in die Reihe der Kolonialmächte einreihte. Auf der Berliner Konferenz von 1884 konnte das Deutsche Reich eine Million Quadratmeter Landgebiete an sich reißen und damit begann nicht nur der Export von Waren und Gütern nach Deutschland, sondern auch die Entführung von Menschen mitsamt ihrer Arbeitskraft.

Der Erfinder der deutschen Völkerschauen, Kolonialschauen und menschlichen Zoos, Carl Hagenbeck, brachte 1896 und 1906 Menschen zum Zwecke der Ausstellung nach Berlin. Von 1904-08 wurde der Völkermord an den Herero und Nama in Ostafrika verübt. Sie hatten das einzige fruchtbare und malariafreie Land der Region. Auch war die extreme militärische Gewalt eine Reaktion auf die Herero-Rebellion 1884.

Eltern des Zeitzeugen Theodor Wonja Michael, 1914. (© Privatarchiv Paulette Reed-Anderson)
Eltern des Zeitzeugen Theodor Wonja Michael, 1914. (© Privatarchiv Paulette Reed-Anderson)

Für die Kriegsverbrechen an afrikanischen Menschen während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurde niemals jemand verantwortlich gemacht. Und auch die Verbindungen zwischen der Kolonialpolitik um 1904 und den Praktiken des NS-Deutschland sind gut belegt: politische Konzepte, Art der Archivierung, Methoden der Ausrottung, Experimente, rassifizierte Kennzeichnung in den Ausweisdokumenten und der viehähnliche Transport. Doch trotz all der dokumentarischen Quellen ist die deutsche Geschichtsschreibung auffällig stumm, wenn es um die Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte geht.

Theodor Wonja Michael (geboren 1925 in Berlin) liest dann zusammen mit seiner Frau aus seinem Roman „Deutsch sein und Schwarz dazu“. In dem autobiografischen Roman erzählt Michael seine Lebensgeschichte, angefangen mit dem, was er über seine Vorfahren aus Kamerun herausfinden konnte. Als Nachfahre von Edelleuten kam sein Vater als Kolonialmigrant nach Deutschland.

Nach dem Tod der deutschen Mutter wuchs er bei Pflegeeltern auf und wie sein Vater und die Geschwister konnte er fast ausschließlich beim Film und in Völkerschauen eine Arbeit finden. Während des Nazi-Regimes wird er von der Familie getrennt, überlebt dank seiner Anstellung beim Film – da den Nazis rassifizierte Andere zur Unterhaltung ’nützten‘ – und wird nach zwei Jahren Zwangsarbeit bei Ankunft der Roten Armee befreit.

Theodors Familie, von links, Juliane Wonja Michael, Theodors Stiefmutter Martha Michael (geb. Schlosser), Theodor Michael (auf dem Schoß), Christiane Michael, Vater Theophilus Michael und James Michael. Aufnahme: Theodor Barth, 1927.
Theodors Familie, von links, Juliane Wonja Michael, Theodors Stiefmutter Martha Michael (geb. Schlosser), Theodor Michael (auf dem Schoß), Christiane Michael, Vater Theophilus Michael und James Michael. Aufnahme: Theodor Barth, 1927.

Michael macht klar, dass auch wenn Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg politische Fortschritte gemacht hat, kulturell und gesinnungsmäßig die alten Geister noch wach sind. Was beispielsweise heute unter „Afrika, Afrika!“-Eventshows stattfindet beruhe auf der rassistischen Tradition der Völkerschau. Er macht auch klar, dass Deutschland schon immer ein Einwanderungsland war, doch „im Grunde definiert die deutsche Gesellschaft den Begriff deutsch immer noch nach völkischen Gesichtspunkten“.

Zuletzt liest noch die 18-jährige Jessica Köster aus ihrer Abiturarbeit in Hamburg, dem fiktiven Tagebuch des Prinzen Samson Dido aus Kamerun über dessen historisch reale Reise nach Hamburg. Aus Sicht des Prinzen beschreibt sie seine Ankunft in Deutschland und das neue Leben als Angestellter einer Kolonialschau bei Carl Hagenbeck. Für ihren Text gewann die Hamburgerin den Bertini-Preis 2013.

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Die Reihe „Literarische Topografien des Kolonialismus“ ist Teil des Festivals „We Are Tomorrow“ im Ballhaus Naunynstraße, das vom 15.11.2014 – 26.2.2015 „Visionen und Erinnerung anlässlich der Berliner Konferenz von 1884“ gibt.

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