Jonathan Meese: Mondparsifal Beta 9-23 | Haus der Berliner Festspiele

 

 

Gegenwartskultur als Gesamtkunstwerk

Spätpubertärer Humor, kalkulierte Provokation, übersteigerter Narzissmus – diese Mittel von Jonathan Meeses Kunst sind alle so streitbar wie in sich stimmig. Doch ob der Künstler auch dem GESAMTKUNSTWERK-Konzept von RICHARD WAGNER gewachsen sei, darüber stritt sich die Kunstwelt seit Meese 2014 als Parsifal-Regisseur der 105. Bayreuther Festspiele abgesetzt worden war. Doch seine Inszenierung von Wagners letzter Oper PARSIFAL gibt ihm mit seinem Konzept Recht.
2017©PHOTOGRAPHY JAN BAUER.NET/COURTESY JONATHAN MEESE.COM

Nachdem Meeses „Mondparsifal“ als „Alpha 1–8“ bereits bei den Wiener Festwochen 2017 uraufgeführt wurde, gab es bei der Berlin-Premiere „Beta 9–23“ zwar kein ganz großes Geheimnis mehr zu lüften. Dennoch überraschte dieses multimediale Bühnenspektakel über viereinhalb Stunden mit der schieren Unerschöpflichkeit an Ideen, Pointen und Virtuosität.

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Vom Original zur Originalität

Das Wagnersche Gesamtkunstwerk wurde von drei kreativen Köpfe neu inszeniert: Bernhard Lang hat in Text und Ton eine beeindruckend anstrengende aber subtile Oper nach Wagners Parsifal-Struktur geschrieben; Simone Young als Dirigentin verlangt dem Klangforum Wien und den Sängern unglaubliche Präzision und Virtuosität ab; und Jonathan Meese als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner baut aus Versatzstücken der Originalvorlage und popkulturellen Anspielungen eine Trash-Collage der Gegenwartskultur.

2017©PHOTOGRAPHY JAN BAUER.NET/COURTESY JONATHAN MEESE.COM

Bernhard Lang hat aus dem ursprünglichen Libretto einzelne, nebensächliche Satzfetzen herausgelöst und kombiniert diese mit musikalischen Motiven des Originals zu einer Loop-Technik, die einer hängenden Schallplatte gleichkommt. Nach fünf Minuten wird man stutzig, nach 15 Minuten ist man erschöpft aber nach 50 Minuten offenbart sich die Virtuosität dieser „semantischen Explosionen“, wie Lang das Stilmittel nennt. Denn dadurch werden die Linearität und Gefälligkeit der Oper auf der akustischen Eben ebenso aufgebrochen, wie Jonathan Meese dies auf der visuellen Ebene anstrebt.

Zwischen Mashup und Trash-Collage

Die drei Bühnenbilder der Superlative – mit Gebirge, Deus-ex-Machina-Mobile und Live-Painting – bieten in drei Akten einen Sci-Fi-Trash-Kosmos des Absurden. Die Fülle der visuellen Assoziationen macht eine klare Verortung der Handlung ebenso unmöglich wie eine Grenzziehung zwischen Hoch- und Massenkultur. Mal sind wir auf einem Eisberg, mal auf dem Mond, mal in Fritz Langs Nibelungenfilm, mal auf einem K-Pop-Konzert. Ganz assoziativ geistern sowohl die Mythen und Über-Ichs des deutschen Unterbewusstseins über die Bühne als auch Figuren wie Barbarella, Zed, The Wicker Man, die Star-Trek-Crew oder Spongebob.

2017©PHOTOGRAPHY JAN BAUER.NET/COURTESY JONATHAN MEESE.COM

Letztlich dient Meese der ursprüngliche Plot um den Heiligen Gral nur als Assoziationsvorlage für seine „Diktatur der Kunst“. Dadurch verlieren die einzelnen Motive den verbindenden Kontext und sie können als kulturelle Artefakte und Phänomene (fast) wertfrei betrachtet werden. Das haben viele versucht, aber selten gelingt es so wie hier. Nichts bleibt heilig oder tabuisiert, nichts kann sich dem Zugriff der Kunst entziehen – und genau diese Entgrenzung verfolgt Meese schließlich mit seinem Programm. Die Kunst als autonome, ideologiebefreite Schöpfung des kreativen Menschen ist sein quasi-religiöser Glaube.

2017©PHOTOGRAPHY JAN BAUER.NET/COURTESY JONATHAN MEESE.COM
Diktatur der K.U.N.S.T.

Natürlich ist auch in diesem Werk das gesamte Repertoire von Meeses Symbolsprache vertreten: Nazi-Insignien, Runenschrift, das Wort „Erz“, Pimmelwitze, Cameo-Auftritt in Adidas-Jacke, die geliebte Mutter. Auf Leinwänden erscheinen neben dem gesungenen Text die Kommentare von Meese: „Kunst ist ultimativste Dienstpflicht“, „Kunst ist der ideologieloseste Raum“, „Kunst ist angstfreier Raum“. Es ist die K.U.N.S.T. als utopische Welt, in der keine Politik oder Ideologie mehr herrscht und der Künstler als Prototyp des zukünftigen Menschen seinen Herrschaftsanspruch ganz gewaltfrei geltend macht.

Links: Jonathan Meese vor „P.A.R.S.I.F.A.L. IST ZU HAUSE ANGEOPERT WORDEN!“, 2016. Bild: ©Jan Bauer, Courtesy Jonathan Messe. Rechts: Jonathan Meese, Mutter der Disziplin: Angetreten!, 2011, und Mutter der Diktatur der Kunst: Strammstehn‘ und Totalstgehorsam, 2011. Courtesy Galerie Sabine Knust, München.

Wird dieses Adaption nun dem kunstkennerischen Anspruch der Opern- und Festspielgänger gerecht? Oder handelt es sich nur um eine gelungene Persiflage auf Etablissement und Mainstream-Kultur? Beides. Denn so primitiv einem die Versatzstücke und Provokationen zunächst erscheinen mögen, so wohl durchdacht werden sie ausgearbeitet und eingesetzt. Schließlich liefern alle Beteiligten, von SängerInnen, Chor und MusikerInnen über die Bühnenbildner bis hin zu den Technikern, eine Leistung auf Höchstniveau ab. Eine durchaus visionäre Operninszenierung oder, um es mit den Worten von Jonathan Meese zu sagen: „Nur Kunst zukunftet Freiheit!“

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MONDPARSIFAL BETA 9–23
(VON EINEM, DER AUSZOG DEN „WAGNERIANERN DES GRAUENS“ DAS „GEILSTGRUSELN“ ZU ERZLEHREN…) im Haus der Berliner Festspiele
Oper von BERNHARD LANG nach Richard Wagners „Parsifal“
Libretto von BERNHARD LANG nach Richard Wagner
Musikalische Leitung: SIMONE YOUNG
Regie, Bühne und Kostüme: JONATHAN MEESE
Amphortas/Amfortas: TÓMAS TÓMASSON
Gurnemantz/Gurnemanz: WOLFGANG BANKL
Parzefool/Parsifal: DANIEL GLOGER
Clingsore/Klingsor: MARTIN WINKLER
Cundry/Kundry: MAGDALENA ANNA HOFMANN
KLANGFORUM WIEN
ARNOLD SCHOENBERG CHOR
www.jonathanmeese.com

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