Berlinale | Illegitim von Adrian Sitaru

 

 

Illegitim von Radu Jude bei der 65. Berlinale

Anscheinend illegitim ist so einiges in Adrian Sitarus gleichnamigem Film, der bei der diesjährigen Berlinale Premiere feiert. Abtreibungen zumindest, um die es vordergründig zu gehen scheint, waren es im kommunistischen Rumänien unter Ceaușescu. Doch dass es um die juristische Seite der Legitimitätsmedaille in diesem Film nicht geht, wird schnell klar.

Denn für den vierfachen, verwitweten Familienvater Victor, der seinerzeit Frauen mit Abtreibungswunsch an die Securitate verriet, waren Abtreibungen nicht nur rechtlich verboten, sondern auch aus moralischer Sicht illegitim. Und zwar damals wie heute aus demselben Grund: keiner hat das Recht, über ein anderes Leben zu entscheiden. Für seine Kinder wiederum ist es diese Einstellung, Abtreibungen zu verhindern, die aus moralischer Sicht, damals wie heute, unvertretbar ist: einer anderen die freie Entscheidung über ihren Körper zu nehmen und sie im Stich zu lassen. Verrat von Frauen in Not und Kollaboration mit dem unmoralischen Regime versus moralisches Gebot der Lebensrettung und Aufruf zur Verantwortlichkeit – wer spielt hier Gott?

Familie Anghelescu beim Familienfest.

Zu Beginn des Films scheinen die moralischen Fronten geklärt und verhärten sich, dank familiärer Enthüllungen, so lange, bis ein unüberwindbarer Graben die Familie zu zerbrechen scheint. Doch als Protagonistin Sasha (Alina Grigore), Tochter des gescholtenen Vaters, selbst ungewollt und unter heiklen Umständen schwanger wird, verkehren sich alle Positionen. An diesem Grundkonflikt im Mikrokosmos Familie entzündet sich im Film eine psychologische Suche nach moralischer Wahrheit, die nicht nur die Familienbeziehungen, sondern auch das ethische Gefüge jedes Protagonisten und den gesellschaftlichen Rahmen auf die Probe stellt.

In Frage gestellt wird nämlich nicht nur das Recht, abzutreiben, weil man sich zu jung fühlt; kein Geld oder kein funktionierendes Familiengefüge hat; und Angst vor Komplikationen bei mangelnder medizinischer Versorgung. In Frage gestellt wird auch, welches Mitspracherecht Väter bei dieser Entscheidung haben – oder welche Mitverantwortung sie übernehmen wollen. In Frage gestellt wird auch, wie legitim es ist, dass der Vater nach dem noch kaum verjährten Tod der Mutter eine neue Beziehung eingeht. Und auch das Schweigen um die Regeln und Tabus von sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen rückt ganz zentral ins Bild. Nicht von den Protagonisten in Frage gestellt wird hingegen, dass Zigaretten und Alkohol trotz einer Schwangerschaft bedenkenlos konsumiert werden. Beim Publikum hingegen provoziert dies umso mehr, das Netz aus Wissen, Verantwortung und Schuld auch über die eigene Lebenswelt zu werfen.

Sasha (Alina Grigore) und Bruder Romi (Robi Urs).

Der klassische Konflikt zwischen gesellschaftlicher Konvention und individueller Wahrheit erweist sich, wie so oft im Leben, als schwer zu entscheidendes Dilemma. Als Konflikt, der vielleicht gar keiner Lösung bedarf, sondern viel eher einer Versöhnung – statt entweder/oder ein sowohl-als-auch; oder das Aushalten beider Positionen. So zumindest ließe sich eine Antwort lesen, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht und zu einem überraschenden Ende führt: die Zeit. Die Zeit trifft letztlich die Entscheidung zwischen dem, was ist und was nicht ist; und manchmal müssen wir uns dem Lauf der Dinge einfach fügen, um beide Seiten derselben Medaille sehen zu können.

Das überzeugende Schauspiel und die subtile Dramaturgie, so erklären Regisseur und DarstellerInnen es im anschließenden Q&A, sei vor allem das Ergebnis der psychologischen Einfühlungstechnik, die Regisseur Sitaru allen auferlegte. Über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren hinweg entwickelten er und Hauptdarstellerin Alina Grigore die Figuren und blieben zumindest in den knapp zwei Wochen Drehzeit 24 Stunden am Tag in ihren Charakteren, selbst im Privatleben. Die Mühe hat sich gelohnt. Der Film gleicht einem Kammerspiel, bei dem die Kamera uns selten mehr als die Oberkörper der Figuren zeigt. Dennoch bricht die psychologische Spannung nie und das ganze Beziehungsgeflecht zwischen den Charakteren enthüllt sich über Blicke, Gesten und Bewegungen im Raum. Hier beweist sich einmal mehr die Tradition des europäischen Kinos und jeder großen Erzählkunst: eine gute Geschichte braucht nicht viel Handlung, sie braucht nur einen wahren Konflikt.
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Ilegitim | Regie: Adrian Sitaru, Rumänien/Polen/Frankreich, 2016
Berlinale | Forum (Rumänisch mit englischen Untertiteln)
Samstag, 13. Februar 19:30 – Zoo Palast 2
Sonntag, 14. Februar 15:45 – CineStar 8
Montag, 15. Februar 20:00 – Cubix 9 (E)
Samstag, 20. Februar 21:30 –  CineStar 8

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