Buchkritik | György Dragoman: Der Scheiterhaufen

 

 

GYÖRGY DragomÁn: Der Scheiterhaufen

Mit „Der Scheiterhaufen“ legt György Dragomán ein historisches Zeugnis im Gewand des magischen Realismus vor. Zeugnis der Befindlichkeit einer Gesellschaft, die mit den Geistern der Vergangenheit nicht wirklich abschließen kann. Es ist eine fast märchenhafte Erzählung, die von der historischen Tatsache des rumänischen Regimesturzes 1989 zwar umklammert wird, jedoch von der ungefilterten Beobachtungsgabe lebt, mit der ein Kind seine Umwelt und Gefühle im Privaten wahrnimmt.
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Die Vollwaise Emma, 13 Jahre alte, führt uns durch ihre Welt des Jahres 1991. Diese Welt wurde schlagartig auf den Kopf gestellt durch den kürzlich erlittenen Verlust der Eltern, dem Auftauchen einer unbekannten Großmutter und dem Wechsel von Wohnort und Schule – alles in einem Atemzug. Der noch kaum verjährte Regimewechsel in Rumänien schleicht sich dagegen nur langsam, fragmentiert und immer ungreifbar in seiner Bedeutung in Emmas Bewusstsein ein.

Dieses Grundgefühl der Orientierungslosigkeit spiegelt nicht nur den Seelenzustand des Kindes nach einer Reihe schwerer persönlicher Schicksalsschläge. Es ist auch symptomatisch für eine Gesellschaft, die plötzlich einsehen soll, dass alles was bisher richtig und geboten war nun falsch sein soll und umgekehrt. Eine Gesellschaft, die auf der Suche nach Schuld und Gerechtigkeit ist oder, in Ermangelung beider, manchmal einfach nur nach Sündenböcken sucht.

Dieses gespaltene Verhältnis führt uns Dragomán mit so subtilen Bildern vor, wie dem Klassenzimmer von Emma. Dort, wo das Portrait des Diktators von heute auf morgen von der Wand gerissen wurde, hat es über Jahrzehnte hinweg ein dunkles Rechteck hinterlassen, das die Sonne so schnell nicht nachbleichen konnte wie der Ideologiewechsel den Menschen abverlangt wurde. Ein Ort der Erziehung und Bildung ist also zugleich ein Ort der Manipulation und jedes System formt ihn nach seinen Regeln. Welche Gewissheiten sollen dann von nun auf dem Lehrplan stehen?

Die Lehrerin weiß Antworten, die man gemeinhin als „alte Schule“ der Erziehungsmethoden bezeichnen könnte: mit körperlicher Schinderei kommt jede Schülerin an ihre Grenzen und darin sind sich dann alle gleich. Im gemeinsamen Leid werden Freundschaften geschlossen, die im System der Parteien, Ethnien und Religionen noch Feindschaften aufs Blut waren. Ja, wenn man dem System und der Gesellschaft nicht mehr trauen kann, dann bleibt nur die Erkenntnis, dass wir in unserer Verletzlichkeit alle gleich sind.

György Dragomán. CC
György Dragomán. Foto: CC

In Emmas minutiös realistische Schilderungen von Backzubereitungen, körperlichen Empfindungen und Möbelstücken mischen sich wie selbstverständlich Geister der Vergangenheit, schwebende Gegenstände und das Gedankenlesen ihrer Großmutter. Es bleibt offen, ob wir hier der kindlichen Fantasie der Protagonistin oder der Bewältigungsstrategie der Großmutter beiwohnen – in ihrer Realitätsmanipulation jedenfalls finden die beiden zuvor Fremden zueinander und schließen einen Pakt gegen die schwer lastende Vergangenheit.

Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Was ist die notwendige Umdeutung einer unerträglichen Realität? Der Scheiterhaufen ist auch eine psychologische Parabel auf den Umgang mit Vergangenheiten, über die man schweigt und deren Wahrheit man deshalb nie erfahren wird. Weil die einen alles verteufeln, die anderen alles lobpreisen und man selbst nicht dabei war oder sich nicht erinnern möchte. Am Ende aber fühlen sich alle betrogen und jeder muss eine Wahrheit finden, mit der er weiterleben kann.

Durch den Rhythmus ellenlanger Sätze, die uns teilweise nur mit Kommata verbunden über ganze Seiten treiben und einen atemlosen Schwung in die Gedankenbewegung der Erzählerin bringen, erleben wir ihre subjektiven Zeit- und Ortsverschiebungen wie in der Schwebe. Auch die Zeitblenden fügen sich nahtlos in die Geschichte ein, sodass man in Wechsel von historischen Ereignissen und gegenwärtigem Erleben nie den Anschluss verliert und zugleich miterlebt, wie eines vom anderen in einem größeren historischen und gesellschaftlichen Kontext bedingt wird.

Auch begeht Dragomán nie den Fehler, uns eindeutige Antworten über die unheimlichen vergangenen Geschehnisse zu liefern, sondern bleibt diskret hinter seiner Erzählerin zurück. Nie lässt er uns mehr wissen, hören oder denken als Emma oder die Großmutter uns als Fremden von Angesicht zu Angesicht preisgegeben hätten. Und von dieser Ungewissheit über so manche Gegebenheit, deren emotionale Nachwehen dadurch als Wahrheit umso gültiger wirkt, von der lebt die Eindringlichkeit dieser Geschichte.

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György Dragomán: Der Scheiterhaufen
Erscheinungstermin: 6. Oktober 2015 im Suhrkamp Insel Verlag

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