Berlinale | De ce eu von Tudor Giurgiu

 

De Ce Eu von tudor giurgiu bei der 65. berlinale

Auf realen Ereignissen beruhend führt Tudor Giurgiu uns in „De ce eu?“ (Warum ich?) an das korrupte System Rumäniens heran, das sich noch immer vom Trauma der Diktatur Ceaușescus erholt. Giurgiu greift einen Generationenkonflikt auf, in dem sich die junge Generation mit dem maroden moralischen Erbe ihrer Eltern auseinander setzen und deren Versagen, Schuld oder Verantwortung zu verstehen suchen. Der Inhalt überzeugt zwar weitgehend, wenngleich die filmische Erzählweise vorhersehbar, konventionell und linear verläuft.

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Der aufstrebende Staatsanwalt und junge Dozent Cristian Panduru (Emilian Oprea) wird mit dem Fall Bogdan Leca (Alin Florea) betraut – einem Kollegen, welcher der Bestechung, des Amtsmissbrauchs und Aktendiebstahls beschuldigt wird. Was sich zunächst als Chance auf einen Karrieresprung darstellt, entpuppt sich dank Pandurus sorgfältiger Recherche mehr und mehr als Verschwörung, in die Staatsanwaltschaft, Sicherheitsdienst und Ministerium verwickelt sind. Die Hauptfigur ist etwas zu attraktiv gezeichnet (alle Frauen sind in ihn verliebt), etwas zu erfolgreich (seine Laufbahn ist makellos), etwas zu selbstgenügsam (außerhalb des Berufs gibt es keine verletzliche Gefühlswelt) – ein etwas selbstverliebtes aber klassisches Männerbild, dessen Hinterfragung der Thematik gut getan hätte.

Je tiefer sich Cristi in den Fall hinein Arbeit, umso paranoider und härter wird er – eine abgekapselte Welt, die mittels einer nahen Kamera mit vielen Großaufnahmen und Kamerafahrten dargestellt wird. Als Cristi versucht, Wahrheit und Gerechtigkeit an die Oberfläche zu verhelfen stößt er bei den Vorgesetzten und Kollegen zunächst auf taube Ohren. Man legt ihm nahe, keine Fragen zu stellen und einfach ein vorgefertigtes Urteil über Gesetze hinweg zu verhängen. Da Cristi sich widersetzt, verliert er nicht nur seinen Job, sondern wird auch beschattet und letztlich selbst, wie der unschuldige Leca auf den er angesetzt war, als Sündenbock angeklagt, um ihn loszuwerden.

Unter Cristis Abschottung und Arbeitswahn leidet nicht nur die Beziehung zu seiner Freundin Dora (Andreea Vasile) sondern auch zu seiner Tante mit denen er seine Arbeit nicht teilt. Die Frauen dürfen an den Sorgen und der ernsten Innenwelt des Mannes nicht teilhaben – zur sexuellen Entlastung aber sucht Cristi nicht nur seine Freundin, sondern auch eine seiner jungen Studentinnen auf. Seine Tante kocht für ihn, reinigt seine Wäsche und packt seine Koffer, wenn er auf Dienstreise geht. Und als er mit Fieber krank ist, lässt er sich im Bett der Tante von ihr pflegen. Das spiegelt subtil die gesellschaftliche Realität Rumäniens wider, in der viele junge Menschen noch bis in die Mittdreißiger bei ihren Eltern oder Verwandten leben, weil sie sich finanziell die Selbständigkeit nicht leisten können. Frauen fällt dabei traditionell zur beruflichen Arbeit zusätzlich noch die Hausarbeit und emotionale Erziehung und Pflege ihrer Söhne und Männer zu. Vielleicht kommt auch von dieser Verhätschelung der Druck für Cristi, sich über Arbeit zu definieren und um jeden Preis dabei Erfolg zu haben? Klar macht es der Autor nicht.

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„De ce eu?“ – „Warum ich?“ fragt Cristi schließlich nicht nur sich, sondern seinen Vorgesetzten Codrea (Mihai Constantin) direkt ins Gesicht. Und erhält eine Antwort, die man als Eingeständnis einer gebrochen Generation lesen könnte, die ihr Trauma weitergibt: weil er ambitioniert, klug und rechtschaffen war. Ein Junge aus dem Dorf, der in der Hauptstadt Bukarest die goldene Zukunft sucht. All das wurde im Rumänien unter Ceaușescu unterdrückt und bestraft, weil die Diktatur und ihr Marionettenkabinett sich nur gegenüber Tölpeln überlegen fühlen konnten. Den stillschweigenden Opportunismus, den so viele als Mittelweg zwischen Widerstand und blinder Gefolgschaft wählten verkörpert Codrea, der letztlich nur eine sichere Zukunft für seine Töchter und ein bequemes Leben für sich will.

Die selben Leute, die unter Ceaușescu Funktionäre in der Securitate (Geheimpolizei) waren, dienten auch nach dem Fall des kommunistischen Regimes in ranghohen Positionen dem Staat. Und ihre Beteiligung an illegalen Geschäften und Verbrechen während der Balkankriege suchen sie noch heute zu vertuschen. Als Cristi das Ausmaß der Verflechtung erkennt, geht er am Konflikt zwischen den eigenen Erwartungen und seiner Ohnmacht angesichts der Realität des Systems zu Grunde. Ohne Mut und Glauben, das Leben neu beginnen zu können, stürzt er sich in den Tod. Und wird noch auf der eigenen Beerdigung von seinen Verfolgern instrumentalisiert, die ihn in der Trauerrede als einen moralisch aufrechten und vorbildlichen Vertreter ihrer Gattung ehren.

Dieses Trauma – von einer politischen Klasse an Idioten tyrannisiert worden zu sein, der Entfaltung seiner Potentiale beraubt und in einem System von Korruption, Vetternwirtschaft und vergewaltigter Integrität funktionieren zu müssen – verarbeitet Rumänien heute noch. So steht auch Christi, wie die Regisseure seiner Generation, für jenen Typ einer „neuen rumänischen Generation“ – wie in sein Vorgesetzter sarkastisch nennt -, die es anders machen möchte als ihre Eltern. Die deren Scherben und Dreck aufräumen möchte aber sich an der Festigkeit der alten Sitten die Zähne ausbeißt.

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De ce eu, 2015
Regie: Tudor Giurgiu
Kinostart Deutschland: unbekannt

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