Albert Camus: Caligula | Premiere am Berliner Ensemble

 

 

EINE Rocky-Horror-PICTURE-Show

Das BERLINER ENSEMBLE inszeniert ALBERT CAMUS‘ „CALIGULA“ – mit unbändiger Spielfreude, spektakulären Bühnenbildern und einem starken Ensemble. Die zynisch-ironische Feier des Nihilismus führt aber, trotz der offensichtlichen Parallelen auf unsere Zeit, zu keinem kathartischen Effekt. Denn es fehlt die philosophische Tiefe, die ein Kommentar gebraucht hätte, um über den Theaterabend hinaus zu wirken.
CALIGULA. © JULIAN ROEDER.

Caligula, das ist historisch der wahnsinnige römische Kaiser, der als Gewaltherrscher reihenweise unliebsame Konkurrenten ausschalten ließ und die eigene Bevölkerung tyrannisierte. Bei Albert Camus wird aus dieser Figur ein moderner Despot, der mit analytisch-kalter Logik die Regeln des staatlichen Gewaltmonopols auf die Spitze treibt. Als Camus das Stück während des Zweiten Weltkriegs schrieb, kommentierte er den erbarmungslosen Größenwahn der Faschisten und den Untergang von Moral und Menschlichkeit im Angesicht der unbegrenzten Macht.

Caligula ist ein zeitloses Gespenst
CALIGULA. © JULIAN ROEDER.

Regisseur Antú Romero Nunes inszeniert diesen Caligula nun vor dem Hintergrund des wieder aufgeflammten Faschismus und autokratisch auftretender Staatsmänner in den USA, in Russland, in der Türkei und anderswo. Auch wenn viele Parallelen zu Trump & Co. zunächst offensichtlich erscheinen, ist dieser Bühnen-Caligula aber gerade kein Populist. Denn er will die Untertanen weder für sich gewinnen, noch verfolgt er eine Ideologie. Er berauscht sich an der Gewalt, weil er die Allmacht schon hat, aber keine Werte und Ziel. Nur eines wünscht er sich dann doch: den Mond. Weil der unerreichbar ist.

In Nunes‘ Inszenierung ist Caligula von Anfang bis Ende ein willkürlich herrschender Clown, der an der Sinnlosigkeit des Daseins verzweifelt. Der Mensch dient diesem Clown ebenso als Mittel zum Zweck wie die Logik und der Staatshaushalt. Was allerdings dieser Zweck des Ganzen sein könnte, das kann Caligula selbst bis zum Schluss nicht beantworten. Dafür gibt es jede Menge Kunstblut, laute Musik und mobile Bühnenbilder – ein unterhaltsames Spektakel, zweifelsohne. Nur an Tiefe fehlt es leider. Denn ein psychologisch nachvollziehbarer Charakter wird uns im ganzen Stück nicht geboten.

Nihilismus und Weltschmerz ohne Konsequenz
CALIGULA. © JULIAN ROEDER.

„Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich“, bemerkt Caligula. „Selbst der Schmerz ist ohne Sinn, weil nichts von Dauer ist.“ Irgendwie wirkt diese Figur zunehmend im Existenzialismus eines Albert Camus verhaftet und so gar nicht in der Gegenwart. Denn die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, die ist dem modernen Menschen nicht nur nicht neu, die hat auch weder Tyrannen verhindert noch sie an die Macht gebracht. Ohne Motivation kein menschliches Handeln. Und wenn es nur der eigene Vorteil wäre. Moderne Tyrannen sind mitnichten Nihilisten oder unkalkulierbar agierende Wahnsinnige.

Constanze Becker spielt den Caligula herrlich zerrissen zwischen maßloser Ennui, Depression, kindlichem Trotz und rasender Energie. Mal tutet sie engelsgleich das Ave Maria auf der Flöte und gibt das brave Schulmädchen oder die verführerische Liebhaberin, nur um im nächsten Auftritt wieder wild zu wüten. Wenn sie als Clown die Kettensäge ergreift, denkt man unweigerlich ein bisschen an „American Psycho“, bei den Kostümen auch an die „Rocky Horror Picture Show“. Auch dies – das Bild vom Menschen mit denen vielen Masken – ist als Parabel ja so uralt wie das Theater selbst. Eine Erkenntnis ergibt sich aus diesem äußerst amüsanten Szenenwechsel aber nicht.

CALIGULA. © JULIAN ROEDER.

Man weiß nicht recht, welche Parallelen die Inszenierung aufdecken will, denn die Allgemeinplätze sind allzu deutlich. Eine neue, subtilere Lesart des Stücks ist nicht zu erkennen. Aber taugt der amoklaufende verrückte Horror-Clown denn als Parabel auf amtlichen Machtmissbrauch? Oder sind wir die Clowns, die dem Charme Caligulas erliegen werden, weil er uns mit seinem konsequenten Nihilismus unsere eigene Handlungsunfähigkeit vor Augen führt? „Wir hätten handeln müssen, bevor wir ihn verstehen“, sagt am Ende einer seiner engsten Vertrauten. Auch das, dieses Wir-konnten-nichts-tun neben dem Wir-haben-von-nichts-gewusst, kennen wir aus der Geschichte und wissen, der Mensch wird auch in der nächsten menschgemachten Katastrophe wieder nichts tun (können).

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CALIGULA von Albert Camus
Regie: Antú Romero Nunes

Premiere: 21. September 2017 im Berliner Ensemble.

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